
«Was, wenn das Internet Gott wäre?»
Was, wenn das Internet Gott wäre? Um diese ketzerische Frage drehte sich die jüngste Folge der Vortragsreihe Wirtschaft und Werte des Forums Kirche und Wirtschaft vom 29. Mai 2018 in Kappel a.A. vor 150 Personen. Fest steht: Die Digitalisierung ist dabei, unsere Gefühls-, Lebens- und Arbeitswelt radikal zu verändern. Ob auch den Glauben, darüber war man sich uneins.
«Ich sehe den Zusammenhang zwischen Gott und diesen Digitalisierungsreferaten nicht», eröffnete ein Votant die Diskussion mit dem Publikum. Dieses hatte zuvor geduldig während 90 Minuten der abstrakten Materie der rauschenden Digitalisierung zugehört. Das Impulsreferat hielt Joël Luc Cachelin, trotz seines jungen Alters von erst 37 Jahren bereits Doktor der Ökonomie, Gründer, Digitalisierungsbeirat und dreifacher Buchautor. Er vertrat die Meinung, dass es in unserer moralischen Verpflichtung liegt, eine Gewichtung der Kriterien vorzunehmen, was das Internet in Zukunft tun und lassen soll. Nicht alles sei böse, was die neue Technologie bringe. «Ist die digitale Technologie nicht auch ein Schutzengel, der dank ausgeklügelter Algorithmen und umfangreicher Nutzerdaten Zeichen des Unheils frühzeitig errechnen kann, lange bevor es der Mensch selber erkennt?», fragte er in den Saal.
Der Mammon steht im Vordergrund
Mit Beispielen aus der neuen Wirtschaftswelt und der Sharing Economy zeigte Wirtschaftsethiker Peter Seele aus Lugano auf, wie die Digitalisierung unsere Gefühls-, Lebens- und Arbeitswelt radikal am Verändern ist. Das Anbandeln der Liebe findet man nicht mehr nur am Dorffest, sondern zunehmend auf Dating-Plattformen wie Parship, Tinder und weiteren statt. Auf der Strasse ruft man nicht mehr nach einem Taxi, sondern über die Smartphone-App Uber. Die Menschen geben dafür ihre Nutzerdaten preis. Als Gegenwert erhalten sie eine Dienstleistung, machten sich so aber auch anfällig für Manipulationen. Beispielsweise für Wahlmanipulation, wie der Facebook-Skandal mit den Datenanalysten von Cambridge Analytica während des US-Wahlkampfes gezeigt hat. Dann sagte Seele etwas sehr Bezeichnendes: «Soziale Netzwerke und die Sharing Economy stellen nicht den Menschen und das Kollektiv, sondern das Kommerzielle in den Vordergrund.» Deshalb halte das Monopol Gott noch, wenn es um die zentralen Fragen der Schöpfung gehe.
Abstrakte Materie
Moderator Yves Bossart von Sternestunde Philosophie SRF brachte es im darauf folgenden Panelgespräch auf den Punkt: «Die Digitalisierung ist ein abstraktes Thema.» Er fragte Seele, weshalb wir Anbieter nutzen, obwohl wir genau wissen, dass sie uns ausspionieren? «In meinem Fall ist es reine Bequemlichkeit», gab Seele zu. Welche Daten sammelt Microsoft?, wollte Bossard von Simone Frömming, der Leiterin des Grosskundengeschäfts bei Microsoft Schweiz wissen, die ebenfalls auf dem Podium Platz genommen hatte. «Bezüglich Datenschutz müssen wir uns an unsere Geschäftsbedingungen und die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung halten, welche seit 25. Mai gilt», so Frömming. Seele mahnte: «Es ist wichtig, dass man die Leute über die Folgen ihres digitalen Tuns aufklärt.». Cachelin ergänzte: «Ich kaufe aus Prinzip keinen Alkohol mit der Kreditkarte. Krankenkassen wollen wissen, ob wir gesund leben. Kreditkarten hinterlassen digitale Spuren.» Frömming: «Chancen und Risiken der Digitalisierung sind eine Frage der Perspektive, im Positiven wie im Negativen.» Sie plädierte dafür, sich mit den Technologien zu befassen, das nehme die Angst. Bossart: «Wissen ist Macht und kann zu Machtmissbrauch führen, wie aktuelle Beispiele gezeigt haben. Cachelin: «Es ist zu einfach, dass Google und Facebook a priori böse sind. Es wird weiterhin ein Wettkampf der Ideen und Technologien geben. Wir sind alle Kunden und können mit unserem Verhalten selber steuern, was okay ist und was nicht.»
Kein Link zu Gott
Aus den Wortmeldungen des Publikums war eine gewisse Ratlosigkeit und auch Irritation herauszuhören. Vermisst wurde der Bogen zum Fundamentalen, Theologischen und zu Gott. Seele nannte es eine Herausforderung für die Kirchen, die Digitalisierung auch religiös in die Neuzeit zu überführen und die Schöpfungsgeschichte weiterzuentwickeln. Hat ein einzelnes Land überhaupt noch die Macht, um Grosskonzerne wie Google, Apple oder Facebook in die Knie zu zwingen? Seele: «Was sich bewährt hat, ist die Macht auf viele Schultern zu verteilen, so, wie es in Demokratien üblich ist.» Die Digitalisierung sei wie ein Goldrausch. Nun folge ein Regulierungsprozess. «Wir haben es in der Hand, diesen Prozess mitzugestalten.»
Für das Forum Kirche und Wirtschaft: Martin Platter







