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Herausforderungen religiöser Vielfalt

Referent Amir Dziri: Muslime in der Schweiz – zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft
Referent Samuel M. Behloul: Eine Schweiz, viele Christentümer!

Muslime in der Schweiz – zwischen Integration und Parallelgesellschaft
Diskussion über die Muslime und die zunehmende christliche Diversität in der Schweiz

Wie können verschiedene christliche Konfessionen und eine islamische Vielfalt in die Gesellschaft der Schweiz integriert werden? Und wie können sie miteinander im Dialog sein, anstatt Unterschiede zur Abgrenzung zu nutzen? Zu diesem Thema äusserten sich zwei Referenten und zwei Podiumsteilnehmerinnen an der 20. Veranstaltung des Zyklus «Wirtschaft und Werte».

Es herrsche ein Ringkampf der Wertesysteme. «Differenzideologien sind stark auf dem Vormarsch. Nicht nur bei den Religionen, sie sind auch bei autoritären Regierungen erkennbar», sagte Amir Dziri, Professor an der Universität Fribourg für Islamische Studien in der Schweiz und Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft. An der 20. Veranstaltung des Zyklus «Wirtschaft und Werte» des Forums Kirche und Wirtschaft der Katholischen Kirche des Kantons Zug war er einer der beiden Referenten im Kloster Kappel, die sich zum Thema Integration versus Parallelgesellschaft in der Schweiz äusserten.

«Abgrenzung ist nicht nur ein islamisches Phänomen», sagte Dziri. Vielmehr sei überall auf der Welt die Tendenz erkennbar, dass Differenzen zur Abgrenzung diffamiert würden. In der Schweiz stelle er fest, dass die Integrationsfähigkeit von Muslimen zum Testfall eines säkularen Staats würde. «Symbolische Religiosität führt dazu, dass eine Religionsgemeinschaft sehr deutlich wahrgenommen wird.»

Zur symbolischen Religiosität nannte Dziri Religion, Kultur, Nationalität und Ethnie, die nach innen und aussen wirken. Zur Verdeutlichung zeigte er auf, dass beispielsweise die französische Bevölkerung den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung auf 31 Prozent schätzt, der reale Wert aber bei 7,5 Prozent liegt. «Zugleich geben viele muslimische Jugendliche in Deutschland an, religiös zu sein, obschon sie nicht praktizieren.» Ihr Handeln, Sprechen und Denken sei aber stark am Islam orientiert. Und werde daher von der Gesellschaft sehr stark wahrgenommen.

Gemeinsame Werte definieren


Um die Abgrenzung zu überwinden, plädierte der erst 35-jährige Professor dafür, dass ein neues demokratisches Gespräch jenseits von Symbolpolemik – aber auch nicht konfliktscheu – geführt werde. Und dass in neuen Kategorien gedacht werde, um Gemeinsamkeiten zu erkennen: «Es sollte nicht in erster Linie danach gefragt werden, ob jemand der christlichen oder islamischen Religion zugehört. Eine solche Frage kann nur mit Ja oder Nein beantwortet werden und hat ausschliessenden Charakter.» Es solle nach gemeinsamen Werten gesucht werden. «Solidarität, Fairness usw. sind Werte, wo man sich finden könnte.»

Und auf eine Eigenheit wies er hin, der sich viele der gut 150 Anwesenden vermutlich nicht bewusst waren: Die Tatsache, dass sich Muslime als Angehörige der letzten Offenbarungsreligion betrachten, führe bei ihnen zu einem Gefühl der Verantwortung. «Das kann im folgenden Sinn verstanden werden: Geht der Islam den Bach runter, gehen alle Offenbarungsreligionen den Bach runter.»

Nicht zum Islam, sondern zu den «Christentümern» in der Schweiz äusserte sich Samuel M. Behloul, Fachleiter für den Bereich Christentum am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog ZIID und Titularprofessor am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern. Während die Schweizer Landeskirchen in den vergangenen fünfzig bis sechzig Jahren an integrativer Kraft eingebüsst hätten, seien zeitgleich viele Menschen in die Schweiz immigriert. «Diese Menschen brachten andere Religionen und andere Christentümer mit», sagte Behloul. Immigranten christlichen Glaubens würden sich oft in Missionen in ihrer Heimatsprache zusammenschliessen. «Missionen weisen eine ethno-sprachliche Homogenität auf und sind häufig transstaatlich aktiv.» Zudem werde in den Missionen nicht nur die Seelsorge angeboten. Es sei auch ein Ort, wo die entsprechende Kultur gelebt werden könne und «Sozialkapital» vorhanden sei. Das heisst Menschen, die mit der Botschaft der Mission erreicht werden können.

«Heute ist die Schweiz ein multi-christliches Land», stellte Behloul fest. Verschiedene Christentümer vertrage die Schweiz gut, solange man sich ihrer frei bedienen dürfe aber kein Aneignungszwang bestehe. Und doch sind sie eine Herausforderung; denn sie bereichern die Schweiz nicht nur, sie irritieren auch viele Bewohnerinnen und Bewohner.

Gegenseitig defizitäre Wahrnehmung


Die einzige Lösung, um mit dieser Vielfalt zurechtzukommen, sieht Behloul in der innerchristlichen Ökumene. «Diese Ökumene muss neu durchdacht werden. Denn bereits heute stellt sie eine grosse Herausforderung dar.» Er stelle fest, dass zwischen den Konfessionen eine defizitäre Wahrnehmung vorherrsche. Je grösser also das Spektrum der christlichen Gruppierungen, desto schwieriger die Aufgabe des Dialogs.

Während der Podiumsdiskussion, die auf die zwei Referate folgte und von der SRF-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji moderiert wurde, äusserte sich Eliane Ursula Ettmüller kritisch zur Ökumene. Ettmüller, in Zug geboren und aufgewachsen, ist promovierte Islamwissenschafterin, arbeitete unter anderem als IKRK-Delegierte und lehrt und forscht heute an der Universität Heidelberg. «Immigranten haben Mühe mit netter Ökumene», sagte sie. Denn je nach Erlebnis oder gar Traumata, die sie mitbrächten, könnten sie sich nicht mit ihren Gegnern an einen Tisch setzen. Kriegswunden sind die eine Schwierigkeit; die andere liegt in der Zeit nach Beendigung des Kolonialismus. Amir Dziri: «Nach der Kolonialisierung machten muslimische Gesellschaften viele Erfahrungen. Sie organisierten sich kommunistisch, sozialistisch, demokratisch und liberal – und immer scheiterten sie damit. Heute herrschen vielerorts nationalistische und islamistische Regierungen – und wieder klappt es nicht», sagte Amir Dziri. Muslime hätten das Gefühl des kollektiven Scheiterns. «Die Weltgemeinschaft sollte muslimischen Gesellschaften einen Weg aufzeigen, wie sie aus dieser Misere herauskommen.»

Suche nach Identität


Auch Jasmin El Sonbati, Gymnasiallehrerin, Aktivistin für einen liberalen Islam in der Schweiz und Redaktionsmitglied der interreligiösen Zeitschrift z’Visite, unterstrich die muslimische Identität. «Es muss eine innerislamische Debatte geführt werden, bei welcher Normen und die Interpretation von Texten diskutiert wird.» In der öffentlichen Debatte dürfe man sich kritisch äussern, es müsse aber ganz klar die Linie gegen die Schwarz-Weiss-Malerei gezogen werden. «Es muss die Frage gestellt werden, wo negativ Identitätsstiftendes beginnt», sagte El Sonbati.

In diesem Zusammenhang erwähnte Behloul die neuen Medien, dank derer sich Informationen in Sekundenschnelle verbreiten. «Ich gehe davon aus, dass der Kampf um Identität in den nächsten Jahren sehr ausgeprägt sein wird.»

Um das Entstehen von Parallelgesellschaften oder gar Identitätskämpfe zu vermeiden, sahen Behloul und Ettmüller Handlungsbedarf im Bereich der Jugendarbeit. Die gebürtige Zugerin unterschied dabei zwischen zwei möglichen Strategien: «Meines Erachtens sollte gegen jene Vereine vorgegangen werden, die nicht verfassungstreu agieren. Verfassungstreue Vereine hingegen sind zu fördern. In diesem Sinne befürworte ich – je nach Fall – Prävention oder Repression.»

Marianne Bolt für Forum Kirche und Wirtschaft

Von links: Samuel M. Behloul, Eliane Ursula Ettmüller, Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji, Jasmin El Sonbati, Amir Dziri und Fachstellenleiter Christoph Balmer (Bild Martin Platter)

Impressionen

Fachstellenleiter Christoph Balmer

Fachstellenleiter Christoph Balmer

Gemeindesaal Kappel am Albis

Gemeindesaal Kappel am Albis

SRF-«Sternstunde-Religion»-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaij (links) moderierte das engagierte Podiumsgespräch.

SRF-«Sternstunde-Religion»-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaij (links) moderierte das engagierte Podiumsgespräch.

Apéro riche im Klosterkeller

Apéro riche im Klosterkeller