Ethik im Gesundheitswesen
Ärzte und Patienten im Dilemma von «Wollen» und «Sein»
Rund 200 Personen, vorwiegend aus Wirtschaft, Gesundheitswesen und Kirche, nahmen am Mittwoch. 8. November 2017, in Kappel an einem vom «Forum Kirche und Wirtschaft» organisierten Anlass teil. Viele Fragen wurden aufgeworfen und engagiert diskutiert.
Mit einer besinnlichen Einstimmung ins Thema durch Simone Rüd, Spitalseelsorgerin des Zuger Kantonsspitals und den Musiker Markus Boppart mit seinem Fagott, begaben sich die rund 200 Teilnehmenden von der Klosterkirche zum Gemeindesaal Kappel.
Mit ihrem Einführungsreferat brachte Nikola Biller-Adorno, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte an der Universität Zürich, vieles auf den Punkt und stellte Fragen in den Raum, die Interesse und Betroffenheit auslösten.
Reiche Schweiz
Nikola Biller-Adorno brachte den Wohlstand in der Schweiz, die hohe Lebenserwartung, den guten Zugang zum Gesundheitswesen in Beziehung zu den Kosten, zu Qualität, Transparenz, Nachhaltigkeit und Fairness. Sie fragte: «Wieviel Prozent des Bruttoinlandproduktes soll für die Gesundheitsversorgung ausgegeben werden? An welchen Kriterien soll die Qualität gemessen werden? Darf einem Patienten ein teures Medikament aus Kostengründen verweigert werden? Wie sollen ärztliche Leistungen vergütet werden, dass eine optimale Balance zwischen Kosten und Leistung erreicht wird?»
Die Referentin versuchte eine Brücke zu schlagen zwischen «Wissen, Können und Wollen» zu «Sollen». Mit anderen Worten: Ein optimales Gleichgewicht zwischen den drei Zielen optimaler Gesundheitsstatus der Bevölkerung, optimale Patientenzufriedenheit und optimale Wirtschaftlichkeit soll erreicht werden.
Podiumsdiskussion
Annina Hess-Cabalzar, Präsidentin der Akademie Menschenmedizin, leitete das Podiumsgespräch souverän. Konstantin Beck, Leiter CSS Institut für empirische Gesundheitsökonomie, Luzern, Brida von Castelberg, Vizepräsidentin Stiftung SPO Patientenschutz, frühere Chefärztin der Frauenklinik Triemli, Veronica Defièbre-Baud, selbständige Psychotherapeutin sowie Nikola Biller-Adorno stellten sich den Fragen mit Offenheit und Fachkompetenz.
Zu Beginn formulierten die Podiumsteilnehmer Wünsche. Sie wollen als Patienten auf ihrem aktuellen Wissensstand abgeholt und in einer gut verständlichen Sprache informiert werden. Sie fordern Transparenz. Sie erwarten, dass der Arzt ihren Entscheidungsweg als Experte begleitet und sich dafür die nötige Zeit nimmt. Diese Begleitung soll auf einer guten zwischenmenschlichen Beziehung basieren.
Missstände
Nicht verneint wurden Missstände, beispielsweise dass im Tessin mehr Gebärmütter entfernt werden als in anderen Kantonen. Generell am wenigsten bei Arztgattinnen und am allerwenigsten bei Gattinnen von Juristen.
Im Publikum wurde gelacht, als Konstantin Beck empfahl, erst die Diagnose und die Vorschläge für die Behandlung abzuwarten, und sich dann erst als Privatpatient zu outen. Psychotherapeutin Veronica Defièbre-Baud plädierte für mehr psychotherapeutische Begleitung, machte auf medizinische Überversorgung neben seelisch-geistiger Unterversorgung aufmerksam. Sie stellt beispielsweise mit den Patienten einen individuellen Fragekatalog auf.
Das Leben zu Ende leben
«Patienten dürfen tun, was sie wollen, Ärzte und Pflegepersonal sollen sich nach ethischen, aber auch juristischen Vorgaben richten.» Es lohnt sich bestimmt auch einmal, über diese Aussage nachzudenken. Das begehrliche Patientenverhalten wurde relativiert: «Wer geht schon freiwillig gern zur Blutentnahme oder in die Röhre?» Die Fragen aus dem Publikum wurden so gut wie möglich beantwortet. Aber auf die Frage, wie kommt man zu den Zahlen «Wer operiert was, mit welchem Erfolg?» konnte keine befriedigende Antwort gegeben werden.
Idealerweise stellt man sich mit zunehmendem Alter die Frage, wie man das Leben zu Ende leben will. Lebensverlängerung oder/und Lebensqualität ist eine von vielen Fragen. Palliativmedizin schafft eine gute Alternative zu «Leiden bis zum Ende» oder «Exit».
Beim Apéro riche im Klosterkeller wurde viel diskutiert und manch einer ging nach Hause mit dem Vorsatz, seine Fragen an seinen Arzt und seine Patientenverfügung zu formulieren und mit seinen Nächsten seine Wünsche betreffend Alter und Sterben zu besprechen. Der Abend bewies, dass der Organisator des Anlasses, Christoph Balmer, mit seiner Behauptung richtiglag: «Eine spannende Veranstaltung zu einem Thema, das uns alle direkt oder indirekt betrifft.»
Für das Forum Kirche und Wirtschaft: Regula Zellweger

