
Kommunikation ist eine Haltung, keine Fähigkeit.
Kommunikation in Friedenszeiten birgt schon viele Risiken in sich. Krisenzeiten fordern erst recht. Um Führung und Kommunikation in den Spannungsfeldern von Konflikt und Emotionen ging es am 23. Mai im Kloster Kappel, anlässlich einer Veranstaltung des Forums Kirche und Wirtschaft. Christoph Balmer hatte zur 16. Veranstaltung im Zyklus «Wirtschaft und Werte – Orientierung und Perspektiven» geladen.
Augustinerpater Hermann-Josef Zoche, Theologe, Philosoph und Managementberater, gewann die über 200 Anwesenden in seinem Impulsreferat von Beginn weg mit Humor und Leichtigkeit. Von Kommunikation zu sprechen hiesse, von allen Signalen zu reden, die ein Mensch aussendet. Menschenkenntnis, Geduld, Liebe, Demut, Grossherzigkeit, gehörten dazu. Gelungene Kommunikation solle helfen, möglichst konfliktfrei durchs Leben zukommen. Zoche sprach aber von einem dazugehörenden «Konfliktpotenzial schier unendlichen Ausmasses». Es gehe darum, das Verständnis dafür zu schärfen, mit wieviel unterschiedlichen Ohren wir Dinge hören und interpretieren. «Der Besuch von Kursen über das Halten von Kurzreferaten genügt nicht. Um gut kommunizieren zu können, müssen wir zuerst Stille lernen, sei dies über Meditation, Yoga etc. Aus der Stille heraus bekommen wir eine andere Wahrnehmung», so Hermann-Josef Zoche.
Mutter Teresa sei anlässlich einer Pressekonferenz mal nach Tipps für den Westen gefragt worden. «‘Beginne mit dir selber’, war ihre Antwort. Das ist die Spannung, in der jeder Unternehmer, Lehrer, Pfarrer steht: Man muss ein Ideal verkünden und weiss, dass man selber dahinter zurückbleibt. Das ist die Grundherausforderung der Ethik.»
Und es gibt noch andere Klippen. Je näher man seinem Gegenüber sei, desto schwieriger werde das Kommunizieren und umso weniger könne mit Worten bewirkt werden. «Man ändert einen Menschen eher durch das, was man an ihm erträgt, als wenn man an ihm herummeckert. Das Bewusstsein dafür, mit wieviel unterschiedlichen Ohren wir Dinge hören und wahrnehmen, schärft das Verständnis.
Kommunikation als Seinsform
Pater Hermann-Josef Zoche thematisierte auch den Drang zur Selbstoptimierung, der überhandgenommen habe. «Sie hören nur noch in der Kirche: es ist gut, so wie du bist.» Wer sich dem entsprechenden Druck im Wirtschaftsleben beuge, werde heruntergespult auf das, was funktioniere. Das Einmalige, Grandiose, Superlative werde so nivelliert, dass nur ein Funktionsbereich zurückbleibe. Irgendwann merke man, dass dies kein Glücksprinzip sei. «Wenn wir alles unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten, geht alles den Bach runter. Es ist das Ende von Kommunikation und das Ende von menschlicher Beziehung. Es muss auch noch marktwirtschaftsfreie Zonen geben.» Der Referent plädierte dafür, aufzubrechen, auszubrechen, sich auf das Grandiose des Menschen zu besinnen. «Religiös gesehen ist Kommunikation eine Seinsform. Gott ist in seinem Wesen Kommunikation. Dieser kommunikative Gott kommuniziert mit uns. Dadurch werden wir hineingenommen in die Wesensart Gottes. Jede Form von menschlicher Kommunikation ist – wenn sie gelingt –Teilhabe an der Kommunikation Gottes »
Gemeinsame Ausrichtung
«Der Mensch hört, was er hören will», so der Titel dieses Anlasses. In der von der Publizistin Esther Girsberger geleiteten Podiumsdiskussion warf sie als erstes die Frage in die Runde: «Wie bringen Sie Mitarbeitende dazu, zu hören, was Sie wollen?» Dazu Unternehmerin Carla Tschümperlin: «Ich hoffe sehr, dass meine Mitarbeitenden mir auch sagen, was sie wollen. Aller Anfang von Führungsarbeit ist dies: dass ich selber weiss, was ich will und dass ich weiss, was mein Gegenüber will. Nur dann finde ich die Basis, dass es nicht ein Wollen-Sollen wird. Wenn ich weiss, was ich will und ich Menschen finden, die das auch wollen, dann wird es einfach. Konflikte entstehen, wenn Menschen Dinge tun sollen, die sie nicht wollen.
Dirigent Howard Griffiths spielte die Aufzeichnung eines Wutausbruchs des Dirigenten Toskanini (1937) vor – erheiternd und gleichzeitig erschreckend. Demütigung von Musikern sei damals erlaubt gewesen. «Glücklicherweise kooperieren wir heute mehr als früher. Ich muss eine Vision des Werks haben, das ich interpretieren will, und die Musiker davon überzeugen.» Das gehe nicht ohne Konsens. «Wenn wir uns öffentlich zeigen, müssen wir eine Einheit sein.» In den ersten 15 Minuten der Probenzeit entscheide sich, ob das funktioniere. Griffith setzt dabei auch auf nonverbale Kommunikation. Wie er dafür seine Augen und die Gestik einsetzt, zeigte er gleich anhand eines Geburtstagsständchen für eine anwesende Person.
Zielgruppengerecht
Patrick Lengwiler, CEO der EVZ AG, hat häufig Entscheide zu kommunizieren, oft auch unter Zeitdruck. «Man muss wissen, welche Inhalte für welche Zielgruppe Brisanz hat und dann zielgruppengerecht kommunizieren, auf Basis von Offenheit und Ehrlichkeit. Dies tue ich im Bewusstsein, dass man es nie allen recht machen kann. Letztlich habe ich gelernt, dass der Mensch nur hört, was er will. Wenn jemand emotional stark berührt ist, kann die Funktion des Zuhörens eingeschränkt sein und rationale Begründungen werden nicht mehr angenommen.»
«Wenn es Konflikte gibt, ist es wichtig zu klären, was das Gegenüber verstanden hat und weshalb«, so Carla Tschümperlin. «Ich lasse die Komponente Zeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen bewusst zu. Und manches braucht einfach etwas Zeit.» Allerdings könne es im Wirtschaftsleben auch sinnvoll sein, sich zu trennen, wenn man keine gemeinsame Ausrichtung finden könne.
In Krisenzeiten
Kommunikation in Friedenszeiten sei einfach, meinte Moderatorin Esther Girsberger. Doch wie in Krisenzeiten den rechten Ton finden? Pater Hermann-Josef Zoche meinte, das könne man üben, wie ein Musikinstrument. Lernen zum Beispiel, Bedürfnisse zu formulieren, ohne andere unter Druck zu setzen. Die gewaltfreie Kommunikation sei hier ein gutes Mittel. Kommunikation also doch eine lernbare Fähigkeit und nicht eine Haltung?, fragte Esther Girsberger nach. «Eine Haltung kann man einüben. Es ist nicht das Gleiche wie Vokabeln lernen. Das sind lange Übungswege, zu denen die richtige innere Disposition gehört.»
Die Liebe zu den Menschen helfe ihr in emotional aufgeladenen Situationen, erzählte Carla Tschümperlin. «Wenn mich jemand anschreit, versuche ich, nicht reaktiv zu sein und zuzuhören. Manchmal sage ich: ‘Ich habe jetzt alles aufgeschrieben und möchte mir Zeit nehmen, um zu überlegen, was ich Ihnen anbieten kann.’ Mit geklärtem Lösungsvorschlag komme ich dann später zurück. Das funktioniert in der Regel gut.»
Patrick Lengwiler gestand ein, dass es ihm in solchen Fällen nicht immer gelingt, nicht auch emotional zu reagieren oder gar in den Modus der Rechtfertigung zu fallen. Allerdings seien die Emotion ja auch Teil einer Person. «In der Führung einer Mannschaft mal zu artikulieren, dass man mit der Leistung nicht zufrieden ist, finde ich i.O.»
Wer gut kommunizieren wolle, müsse die Stille lieben, betonte Pater Herrman-Josef Zoche nochmals: «Ich meditiere jeden Tag. Dies halte ich für elementar. Es kommt eine immense Kraft aus der Stille.» Auch Carla Tschümperlin, die ZEN-Meditation praktiziert, schwört auf die Stille. «Wenn es laut ist, hört man die innere Stimme nicht.»
Für das Forum Kirche und Wirtschaft: Ruth Eberle





