
Sieg um jeden Preis?
Sport ist ein Milliardengeschäft. Wo es um viel Geld und Ruhm geht, bleiben Ehrlichkeit und Ethik oft auf der Strecke. Oder ist Sport der ultimative Segensbringer einer Leistungsgesellschaft? Vier Sportfachleute und ein Ethiker gingen den Fragen nach.
Es war ein weiter Themenkreis, den das Quintett, moderiert von der früheren Spitzenschwimmerin und TV-Sport-Redaktorin Regula Späni am vergangenen 2. November im vollbesetzten Kappeler Gemeindesaal auftaten. Im Rahmen der Vortragsreihe Wirtschaft und Werte der Katholischen Kirche Zug beleuchteten der Sportwissenschaftler und Soziologe Prof. Dr. Gunter Gebauer sowie der Philosoph und Theologe Markus Huppenbauer vor alle die Kehrseite der Medaille; dass die meisten Sportler beim grossen Spiel um Milliarden weitgehend leer ausgehen, und mit den suggerierten Idealen alleine gelassen werden und deswegen nicht selten in eine tiefe Sinnkrise stürzten. Alleine gelassen von Politikern, korrupten Sportfunktionären und den Nationen, die sich zuvor in den Erfolgen besagter Sportler gesonnt hatten. Gebauer warnte denn auch, dass der Sport Gefahr laufe, wegen der ständigen Skandale «delegitimiert» zu werden. Der Sportwissenschaftler sprach sich für einen dualen Bildungsweg aus, damit die Jungsportler nicht ausschliesslich auf den Sport fokussierten und dann nach dem Ende der Sportlaufbahn vor dem Nichts stünden. Zudem warnte er davor, die Sportler allzu früh mit gut dotierten Verträgen auszustatten.
Ethiker vs. Praktiker
Auf der anderen Seite die Praktiker wie der frühere Spitzenlangläufer, Sportfunktionär und –direktor des Schweizerischen Olympischen Komitees, Gian Gilli, und die noch immer aktive Triathletin und sechsfache Ironman-Hawaii-Siegerin Natascha Badmann, die vor allem die positiven Seiten der körperlichen Ertüchtigung zitierten: Der erfüllende Weg zum Ziel und das grossartige Gefühl, wenn sich der Erfolg einstellt. Im Sport lerne man sich zu fokussieren und auch mit Niederlagen umzugehen. Gilli sagte ausserdem, dass die heutigen Jugendlichen eher vor dem Problem stünden, überhaupt keine freie Zeit und Ruhe mehr für sich zu haben. Langweile sei ein Fremdwort, was eine schlechte Entwicklung sei. Denn das Nachdenken während der Langeweile fördere die Erholung und schaffe Raum für neue Ideen und Kreativität.
Dazwischen der Sportarzt Walter O. Frey, der sich tagtäglich mit den körperlichen Verletzungen als Folge des Drangs nach Spitzenleistung auseinanderzusetzen hat und dabei in der Wiederherstellung oft medizinische «Wunder» beobachtet. Er sagt: «Bei der Wiederherstellung nach einem Unfall zeigen Sportler einen überdurchschnittlichen Willen». Zum Thema Doping beobachtet Frey, dass die Gesellschaft mit unterschiedlichen Ellen messe. Während der Missbrauch von muskelaufbauenden Steroiden im Sport inzwischen sehr gering sei, grassiere er sonst bei den Jugendlichen, die einem Körperkult frönten. Zehn Prozent aller adoleszenten Männer würden auf Muskelaufbaupräparate zurückgreifen, die oft schädliche Nebenwirkungen und Spätfolgen haben, schätzt der Sportarzt. Aber niemand scheine sich dafür zu interessieren.
Die interessante Diskussion kristallisierte heraus, dass die Eltern der Sportler oft eine Schlüsselfunktion in der Karriere ihrer Schützlinge einnehmen – im positiven wie im negativen Sinn. Und: Die Sportverbände sind in die Pflicht zu nehmen, damit sich die Jugendlichen nicht selber verheizen. «Trainer sollten Ausbildner sein», fand Badmann, die es das Glück bezeichnete, dass ihr Trainer zugleich ihr Mann ist. Denn so sei sie auch als Mensch wahrgenommen worden, und nicht nur als Sportlerin.
Für das Forum Kirche und Wirtschaft: Martin Platter


