Der eigene Tod betrifft uns alle – und doch reden wir selten darüber. Die Veranstaltungsreihe von Palliativ Zug «Mein Tod - meine Entscheidung» beleuchtet das Thema.

Der Chäsisaal in Rotkreuz war am Dienstagabend gut gefüllt. Das Thema lockte zahlreiche Interessierte an – obwohl oder gerade, weil es zu den unangenehmsten gehört, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen: das eigene Sterben. Unter dem Titel «Mein Tod – meine Entscheidung?!» diskutierten Fachleute aus Medizin, Pflege, Sterbehilfe und Seelsorge darüber, wie ein gutes Lebensende gelingen kann und welche Rolle dabei Selbstbestimmung, Begleitung und Vorsorge spielen.
Luca Emmenegger ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin mit Schwerpunkt Palliativmedizin. Am Kantonsspital Zug berät er ganz unterschiedliche Menschen: Bei manchen sei das Lebensende absehbar, andere seien chronisch krank, viele hätten Krebs. «Meine Aufgabe besteht unter anderem darin, die Lebensqualität zu fördern», sagt Emmenegger. Atemnot, Übelkeit, Schmerzen oder Erschöpfung würden die Betroffenen oft stark belasten.
Zentral ist für Emmenegger dabei eine Patientenverfügung für Situationen, in denen man nicht mehr selbst entscheiden kann. Gerade bei der älteren Generation sei der eigene Tod oft ein Tabu, so seine Erfahrung. «Angehörige wissen dann gar nicht, was sich die betroffene Person gewünscht hätte.» Eine Verfügung biete hier Entlastung und schaffe Sicherheit. Wichtig sei, das Thema früh anzugehen. Bereits bei ersten Anzeichen etwa einer Demenzerkrankung sollte man sich Unterstützung holen, empfiehlt Emmenegger.
«Selbstbestimmung
ist zentral»
Eine andere Erfahrung, was die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod betrifft, macht Daniela Nietlispach, Regionalleiterin Zentralschweiz bei der Sterbehilfeorganisation Exit. «Wer sich bei uns meldet, hat oft schon intensiv übers Sterben nachgedacht», sagt sie. Viele würden Mitglied werden – eine Voraussetzung, um die Dienstleistung von Exit in Anspruch zu nehmen –, wenn sie noch gesund seien. Zentral sei dabei der Gedanke der Selbstbestimmung – auch am Lebensende. Liege ein aktiver Sterbewunsch vor, werde dieser im Gespräch mit dem Mitglied «ausgelotet», wie Nietlispach es formuliert: Wie ausgeprägt ist er? Welche Gründe stecken dahinter? Gibt es Alternativen – etwa ein Sterbehospiz –, die man noch nicht geprüft hat? «Wenn sich jemand bei uns meldet, heisst es nicht automatisch, dass es eine Freitodbegleitung gibt», betont die Regionalleiterin. Sie erzählt auch von Widerständen: «Manche Angehörige sind grundsätzlich gegen das selbstbestimmte Sterben, andere mental noch nicht so weit wie die Person, die gehen möchte.» Im Zentrum stehe für Exit dabei stets das Mitglied, so Nietlispach. «Wir unterstützen es bei seinem Entscheid.» Nadia Dietiker vom Fachbereich Palliative Care der Spitex Zug hat vor allem mit Menschen zu tun, die in den eigenen vier Wänden sterben möchten. «Für
viele ist dieser Wunsch zentral», sagt sie. Wer den stationären Bereich eines Spitals verlasse und nach Hause gehe, sei aber oft in schlechtem Zustand. In solchen Fällen würden die Mitarbeitenden der regulären Spitex häufig an ihre Grenzen stossen, so Dietiker. Dann käme der Fachbereich Palliative Care mit speziell ausgebildetem Personal zum Einsatz. Dabei erfährt nicht nur die kranke Person Unterstützung, etwa durch die Behandlung von Symptomen oder die Koordination der an der Pflege beteiligten Organisationen und Fachpersonen.
Auch Angehörige würden unterstützt, sagt Dietiker. So schule man das familiäre Netzwerk, gebe Anleitungen zu pflegerischen Massnahmen und informiere über zusätzliche Betreuungsmöglichkeiten.
«Gespräche führen und zuhören»
Die religiöse Perspektive bringt der reformierte Pfarrer Jörg Leutwyler ein. Als Seelsorger im Pflegezentrum Baar und am Kantonsspital Zug begleitet er regelmässig Menschen in ihren letzten Lebenstagen. «Wir führen Gespräche und hören zu», beschreibt er seine Aufgabe. Dabei kämen oft existenzielle Fragen auf, erzählt er: Hat das eigene Leben Sinn ergeben, wurde man geliebt, hat man genug geliebt? Die Frage, was danach komme, sei dagegen weniger oft Thema der Gespräche. Leutwyler ist überzeugt, dass unserer Gesellschaft Demut und Bescheidenheit fehlen. «Wir haben vergessen, dass wir endlich sind und sterben müssen.» Stattdessen würden wir in einer Illusion von endloser Macht, von endlosem Wohlstand leben. Auch zum selbstbestimmten Tod hat Leutwyler eine klare Meinung: «Wenn es so ist, dass Gott alles bestimmt, dann auch, dass sich jemand den selbstbestimmten Tod wählt.»
Eigenes Sterbehospiz aktuell kein Thema
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion konnte sich auch das Publikum zu Wort melden. Ein Thema, das beschäftigte, war das Nichtvorhandensein eines Sterbehospizes im Kanton Zug: Warum leistet man sich keine solche Institution? Facharzt Luca Emmenegger und Simone Wigger, Präsidentin von Palliativ Zug, erklärten, dass Zug eine Leistungsvereinbarung mit dem Sterbehospiz Zentralschweiz in Littau habe. Der Zuger Bedarf an Hospizplätzen sei damit aktuell gedeckt. Wichtig sei, dranzubleiben, sollte die Nachfrage steigen, so Emmenegger. «In einer idealen Welt gäbe es natürlich lokale Angebote. In der Realität muss man aber regional denken und auch darauf achten, kein Überangebot zu schaffen.» (tos)

Weitere Veranstaltungen «Mein Tod - meine Entscheidung»
Die Veranstaltung wird noch zwei weitere Male durchgeführt:
Dienstag, 25. August, im Schwesternhaus Baar
Mittwoch, 2. September, im Sonnenhof Unterägeri
jeweils von 18.30 bis 20 Uhr.
Der Eintritt ist gratis, es gibt eine Kollekte.